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ADO KOJO – REISE X

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Egal, ob Eko Freezy, Al Massiva, Farid Bang, Mo-Mo-MoTrip, Fard oderSummer Cem: Ich hab‘ mit allen gearbeitet„, beantwortet Ado Kojo die an anderer Stelle aufgeworfene Frage „Wer ist dieser Junge“ gleich selbst. Er begegnet einem dieser Tage tatsächlich an jeder zweiten Ecke, in den Refrains der unterschiedlichsten Kollegen. Man könnte ihn glatt für eine Art Hookline-Psaiko.Dino halten.

Seine lagerübergreifende Beliebtheit spricht entweder für die Qualität seines Gesangs – oder aber bei dem Kerl handelt es sich schlicht und ergreifend um den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich die verschiedensten Kreise irgendwie verständigen können. Vielen, vielenRappern hat er jedenfalls in der jüngeren Vergangenheit zugearbeitet. Nur fair, dass sich eine ganze Reihe davon nun revanchieren und Ado Kojo etappenweise auf seiner „Reise X“ begleiten.

Neben den bereits Genannten fahren mit: Timeless, Tatwaffe, Capkekz, Caput, Sinan-G, Ali A$, B-Tight,Schwesta Ewa, und, und, und … Allein schon die Zahl der Featuregäste lässt ahnen: Diese Platte besitzt viele Gesichter und gerät damit fast zwangsläufig zu einer durchwachsenen Angelegenheit. „Ups & Downs“ stehen zu erwarten, wobei allerdings weder das eine noch das andere besonders extrem ausfällt.

Will meinen: „Reise X“ plätschert so vor sich hin. Die Tracks tun in den seltensten Fällen weh, reißen aber auch nicht vom Hocker. Eine gewisse Catchyness lässt sich kaum einem Song absprechen. Das rührt allerdings auch daher, dass alle Nas‘ lang sattsam bekannte Versatzstücke durchschimmern, die stetig das Gefühl befeuern, das Gebotene schon tausendmal zuvor gehört zu haben.

Das Themenspektrum gestaltet sich mindestens so breit gefächert wie die Gästeliste. Von der persönlichen Familiengeschichte („Kinder Der Sonne„) und den liebevollen Blick auf die Multikulti-Rapszene im heimischen NRW („Westside„) über allgemeine Verhaltensmaßregeln und Durchhalteparolen („Steh Dein Mann„) bis hin zu den ganz großen Fragen („Vergib Mir„, „Africano„, „Freiheit„) handelt Ajo Kojo alles ab.

Dass ihn seine Inhalte sämtlich bewegen, glaub‘ ich sofort. Die Frage bleibt: Bewegt er damit auch seine Hörer? Die mehr oder minder glücklichen, mehr oder weniger dramatischen Umstände seiner dreifachen Vaterschaft lassen mich, bei allem Respekt, doch ziemlich kalt. Auch, dass manche seiner Facebook-Freunde in Ado Kojo das hellste Licht am Firmament, die „Supernova„, sehen möchten. Egaler kommt mir wohl nur die nächtliche Fahrt im „Lambo“ vor, mit der er sich gleich um die Aufnahme in Xaver NaidoosIn-Car-Nation“ bewerben kann.

Sabrina Setlurs ollen Heuler „Du Liebst Mich Nicht“ wieder aufzuwärmen, erscheint mutig und kündet von beeindruckender Schmerzfreiheit. Die Version mit Schwesta Ewa statt Sherin David in der weiblichen Hauptrolle kommt mir allerdings knackiger, weil etwas kantiger vor. Um mir auszumalen, zu welcher Gelegenheit sich jemand Schlafzimmergeschichten wie in „Deine Eltern“ anhören mag, dafür reicht meine Fantasie nicht aus. Die Ado Kojos dagegen gebiert auch mal vollkommenen Blödsinn: „Che Guevara, sangre por siempre, ich mach‘ para.“ Wie bitte? „Die Hook macht kein‘ Sinn, Mann.“ Ahso.

Massiv gibt in „La Familia„, in dem Ado Kojo zehn neue Gebote für ein friedliches innerfamiliäres Miteinander aufstellt, einen Vorgeschmack darauf, was aus seiner Richtung jetzt zu erwarten steht, wo er es erklärtermaßen satt hat, immer nur härter, breiter und krasser als die anderen Kinder zu sein. Schade, das bedeutet vermutlich, dass wir statt des durchdrehenden Fleischbergs, der mich durchaus amüsiert hat, künftig den netten Jungen und liebevollen Familienmenschen vorgeführt bekommen – freundlich, aber auch ein bisschen langweilig.

Eine Umschreibung, die über weite Teile auch auf die musikalische Ausgestaltung des Albums zutrifft. Wie gesagt: Vieles bleibt im Ohr, oft allerdings auch deswegen, weil man die verwendeten Versatzstücke – Klavier, Streicher, schnarrende Drumsounds, Synthies in bewährten Kombinationen – bereits kennt (und teils eigentlich längst gründlich über hat). „Deine Eltern“ zum Beispiel erinnert am Marillions „Kayleigh“, „Wer Ist Dieser Junge“ nicht nur in Titel und Thematik an die „You don’t grind you don’t shine„-Philosophie, die einst Mike Jones propagierte. Who? Ja, genau der. Alles nicht schlecht, aber auch nicht wirklich spannend oder gar innovativ.

Der Versuch, über den Tellerrand des Privaten hinaus zu denken und sich auch an geschichtliche oder politische Zusammenhänge zu wagen, ehrt Ado Kojo. Trotzdem lässt sich der Eindruck nur schwer abschütteln, dass ein Thema wie Skaverei und Rassismus den Klavierballadenrahmen von „Africano“ schlicht sprengt. „Ich fordere Freiheit für jeden Menschen!“ Ein hehres Ziel – aber vielleicht ebenfalls drei bis vier Nummern zu groß für „Freiheit„?

In „Vergib Mir“ setzt sich Ado Kojo mit der Endlichkeit des Daseins auseinander – abermals eine durchaus interessante philosophische Fragestellung, bei deren Abhandlung die im Hintergrund „Heeeeeeyyyy-hoooo!“ brüllenden Homies allerdings nicht gerade hilfreich erscheinen. „Komm‘ ich Himmel oder Hölle?“ Nach unten, Junge, zur Strafe für den verkrüppelten Satzbau.

Lass‘ dich nicht fallen, gib nicht auf, sonst geht die Reise ins Nirvana.“ Nun, Buddhisten würden das vermutlich nicht unterschreiben – aber immerhin bemüht sich Ado Kojo, seiner Hörerschaft eine positive Einstellung mit auf den Weg zu geben. „Steh‘ zu dem, das du tust, glaub‘ an dich selbst„, derlei Ratschläge mögen abgedroschen klingen. Man könnte trotzdem leicht dümmeren Maximen folgen.

Ado Kojo dringt auf seiner „Reise X“ also nirgends in Galaxien vor, die nie zuvor ein Mensch besungen hat. Es muss aber ja auch nicht immer das ganz große Abenteuer sein. Auch auf einem Trip ins Naherholungsgebiet kann man zwischendurch okay die Seele baumeln lassen.

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